Der Präsident der Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, nutzte die abschließende Plenarsitzung vor der Wahl, um die angebliche Einigkeit von Regierung und Opposition während der vergangenen Legislaturperiode zu loben und zu betonen, dass 68,5 % aller verabschiedeten Gesetze von allen Fraktionen unterstützt wurden.
Trotz dieser Rhetorik gibt es praktisch keine schlagkräftige Opposition im russischen Parlament; harte politische Auseinandersetzungen seien „vergebens“, weil die Duma weitgehend von der Regierungspartei Geeintes Russland dominiert werde.
Der Wahlkampf selbst spiegelt dieses Bild wider: Im staatlich kontrollierten Fernsehen erhalten die Kandidaten von Geeintes Russland rund drei Viertel der gesamten politischen Sendezeit, während die liberale Partei Jabloko wegen angeblicher Verstöße gegen die Parteienfinanzierung von der Wahl ausgeschlossen wurde und nur einzelne Jabloko‑Kandidaten überhaupt antreten dürfen.
Der Meinungsforscher Denis Wolkow vom Institut Lewada erwartet laut einem Interview mit dem ARD‑Studio Moskau keine überraschenden Ergebnisse; die Stimmung im Land sei ähnlich wie vor fünf Jahren, sowohl in Bezug auf die Zustimmung zur Regierung als auch auf die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage, wobei die Wirtschaft von hoher Inflation und zeitweise Treibstoffengpässen belastet wird.
Wolkow betont, dass die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin Putins außenpolitischen Kurs in der Ukraine unterstütze, während die wirtschaftliche Entwicklung kritischer bewertet werde; die Zustimmungswerte für die Regierung liege deutlich unter denen für den Kremlchef.
Obwohl Präsident Wladimir Putin kein offizielles Mitglied von Geeintes Russland ist, steht er der Partei nahe und hat kurz vor der Wahl die Bürger zu einer hohen Wahlbeteiligung aufgerufen, indem er das Voten als Bürgerpflicht im Kontext des Krieges darstelle.
Der Kreml kontrolliert die Wahl bis ins Detail: Vor der Wahl wurden Oppositionskandidaten festgenommen und inhaftiert, die einzige aussichtsreiche Oppositionspartei wurde ausgeschlossen, und die Zielwerte für Ergebnis und Beteiligung werden von der Präsidialverwaltung vorgegeben, um ein gewünschtes Ergebnis zu garantieren.
Politikwissenschaftlerinnen wie Jekaterina Schulmann sehen die bevorstehende Wahl als Stresstest für das autoritäre System, während die russisch‑amerikanische Expertin Nina Chruschtschowa die Wahl als große Inszenierung bezeichnet und davon ausgeht, dass das Ergebnis deutlich über 50 % liegen wird – je nach dem, welches Ergebnis der Kreml für glaubwürdig hält, könnten es 60 % bis 70 % sein.
Die verbleibenden Jabloko‑Kandidaten bleiben ein Unsicherheitsfaktor: Beobachter fragen, ob sie im Falle eines Wahlerfolgs überhaupt in die Duma einziehen können, während Jabloko‑Chef Nikolai Rybakow Wählerinnen und Wähler dazu aufruft, ihr Kreuz bei allen Parteien zu setzen, um den Stimmzettel bewusst ungültig zu machen, wenn keine eigenen Kandidaten zur Verfügung stehen.