Die Stadt Neuss hat im Schuljahr 2023/24 an allen Grundschulen des Landes Nordrhein‑Westfalen eine feste Lesezeit von drei Mal zwanzig Minuten pro Woche – insgesamt 60 Minuten – im Stundenplan verankert. Dorothee Mühle, Sprecherin der Grundschulen, betont, dass diese Zeit häufig bereits überschritten wird und die Schulen eigene Konzepte entwickelt haben, die sich an den Jahrgangsstufen und den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler orientieren.
Zu den erprobten Methoden gehören Lesetandems, bei denen ein stark lesender Schüler gemeinsam mit einem schwächeren Partner liest, sowie „Lesespuren“, bei denen Kinder kurze Texte lesen und anschließend einer Spur zu einem weiteren Leseauftrag folgen. Ältere Grundschülerinnen und -schüler arbeiten zudem im „Lesetheater“, bei dem Texte szenisch umgesetzt werden, und nutzen chorisches Lesen sowie Lesespaziergänge.
Viele Lehrkräfte lesen in den Frühstückspausen Geschichten vor, und zahlreiche Neusser Grundschulen setzen das Landesprogramm LeOn ein, um die Lesekompetenz von Erst‑ bis Viertklässlern gezielt zu fördern. An der St. Hubertusschule werden Lesegruppen gebildet und individuelle Leseförderungen angeboten, die laut Torsten Schiffer gut funktionieren, wobei Eltern teilweise das Training zu Hause unterstützen.
Marion Zanggl‑Loevenich, stellvertretende Vorsitzende des Stadtelternrates, berichtet aus eigener Erfahrung, dass sie im ersten und zweiten Schuljahr ihrer Tochter dreimal pro Woche beim Lesen geholfen hat – sowohl im Einzel- als auch im Gruppenunterricht – und dabei gute Fortschritte beobachtet hat.
Trotz der umfangreichen schulischen Maßnahmen warnen Mühle und Schiffer, dass das Lesenlernen ohne die Unterstützung der Eltern kaum gelingen könne. Schiffer fasst zusammen: Kinder, die zu Hause keine ausreichende Leseförderung erhalten, würden hinter ihren Altersgenossen zurückbleiben. Beide betonen, dass Eltern als Lesevorbilder fungieren und den Kindern vermitteln müssen, dass Lesen Spaß macht und entspannend sein kann.
Die Verantwortlichen sehen zudem die Gefahr, dass die nächste PISA‑Studie die bestehenden Ungleichheiten in der Bildungsgerechtigkeit Deutschlands bestätigt, wobei das Elternhaus weiterhin einen entscheidenden Einfluss auf die Lesekompetenz ausübe. Mühle fordert eine intensivere Vernetzung von Grund‑ und weiterführenden Schulen, um Übergangsstrukturen zu schaffen, die das Lesetraining in den Klassen fünf und sechs fortsetzen.
Weitere Forderungen richten sich an das Land: Der Lehrplan solle verschlankt werden, um den Fokus stärker auf Basiskompetenzen wie das Lesen zu legen. Gleichzeitig wird die Klassengröße kritisiert – Schiffer meint, Klassen mit bis zu 30 Schülerinnen und Schülern seien zu groß, um allen Kindern gerecht zu werden.
Abschließend kritisiert Zanggl‑Loevenich die pauschale Verurteilung von Teilzeit‑eltern durch Bundeskanzler und andere Politiker und betont, dass solche Äußerungen wenig zur Verbesserung des Bildungsbereichs beitragen.