Auf der dunklen Bühne glimmen ein paar Lichtlein. Von der Seite schieben sich in Zeitlupe elf Menschen herein, zehn Männer, eine zierliche Frau. Es knistert. Leise hämmert die Musik, Streichinstrumente mischen sich darunter. Die Gestalten ziehen im Konvoi wieder von dannen. Sofort spürt man den Sog dieser legendären Show.

„Pixel“ wurde 2014 uraufgeführt und machte die vor 30 Jahren gegründete Compagnie Käfig von Mourad Merzouki weltberühmt. Der bahnbrechende Klassiker war schon einmal beim Düsseldorf-Festival zu Gast. Nun luden die Intendanten Christiane Oxenfort und Andreas Dahmen die Compagnie mit „Pixel“ im 36. Festival-Jahr erneut ins Theaterzelt am Burgplatz ein.

Ein sanfter Auftakt in vollendeter Harmonie, beeindruckend mit seiner Tanzkunst, spektakulär mit seinen visuellen Effekten. Lichtskulpturen wachsen aus dem Boden, türmen sich, bedecken die ganze Wand, werden zu Strichen und verbiegen sich. Irisierende Punkte entfalten ihr Eigenleben. Vom Sternenhimmel fallen Schneeflocken, die Tänzer kriechen hervor, leisten Widerstand und verschaffen sich Raum. Die Musik legt an Dynamik zu, schwillt wieder ab, hüllt einen ein.

Konzipiert wurde die Show von dem Choreografen Mourad Merzouki, der hier erstmals mit den Digital-Künstlern Adrien Mondot und Claire Bardainne zusammengearbeitet hat. „Pixel“ ist ein Spektakel voller Poesie, eingebettet in die dreidimensionale Landschaft einer virtuellen Video-Installation. Gebannt verfolgt man die optischen Täuschungen – wenn die Leuchtpunkte am Boden sich von einer ebenen Fläche in einen Irrgarten verwandeln. Abgründe tun sich auf, Krater, Wellen und Hügel bilden sich. Die Compagnie passt sich elastisch an. Am Ende steht der Rollschuhläufer allein im Licht und wendet dem Publikum den Rücken zu. Die anderen gesellen sich zu ihm, fast beiläufig und traumverloren. Als sie sich verneigen, explodieren die Zuschauer mit lautem Jubel und erheben sich von ihren Plätzen. Die faszinierende Zugabe zeigt noch einmal die hohe Kunst der französischen Compagnie Käfig.

Am Sonntag um 20 Uhr folgt „Odyssey“. Die Jazzsängerin Nubya Garcia präsentiert ihr gleichnamiges Album als NRW-Premiere. Am Dienstag und Mittwoch (22./23.9.) ist „In the Brain“ von Hofesh Shechter/Shechter II ins Theaterzelt. Mit bestechender Geschmeidigkeit entfaltet die Truppe ihre Kunst. Akrobatik, vermischt mit Urban Dance, Breakdance-Elementen und Hip-Hop. Ein Rollschuhläufer kurvt elegant über die Bühne. Am meisten aber fasziniert die biegsame, scheinbar knochenlose Schlangenfrau. Bewegt sie sich in ihrem hautengen schimmernden Anzug im Rückwärtsgang, wird sie zur Spinnenfrau.

Ihr Gründer Mourad Merzouki ist seit den frühen 1990er-Jahren eine Schlüsselfigur der Hip-Hop-Szene. Als Choreograf jongliert er an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen. 37 Werke hat er geschaffen, die bei 4000 Aufführungen in 65 Ländern gezeigt wurden. „Pixel“ ist noch bis Samstag am Burgplatz zu erleben.

Die Atmosphäre im Theaterzelt war schon vor der Show prickelnd. Christiane Oxenfort brachte es in ihrer Ansprache auf den Punkt: „Jedes Jahr ist das Festival wieder aufregend, besonders und neu. Man sitzt über Monate im stillen Kämmerlein, und auf einmal ist es wieder so weit. Was wir uns ausgemalt haben, wird Realität, verbunden mit ganz großer Freude.“ Andreas Dahmen pflichtet ihr bei: „Wir sind gesegnet, dass wir in der Lage sind, die Elite des Tanzes, des Zirkus und der Musik nach Düsseldorf zu holen.“ Die geladenen Künstler stünden für Pluralität, Farbigkeit und Demokratie: „Ein Gegenentwurf zu den gesellschaftlichen Entwicklungen, die wir alle nicht wollen.“ Neben den internationalen Gästen von Weltrang kämen aber auch die lokalen Künstler nicht zu kurz, sie seien in viele Projekte eingebunden.

Michael Reitemeyer vom Kulturministerium sprach ein Grußwort der Landesregierung NRW, die das Festival seit jeher zuverlässig unterstützt. Die Intendanten lobte er für ihre Professionalität, ihr Herzblut und Engagement: „Ich bewundere, wie Sie die Grenzen der Kunst aufbrechen und das Spielerische der menschlichen Existenz sichtbar machen.“ Treuer Partner ist neben zahlreichen Mäzenen, Sponsoren und Förderern stets auch die Stadt Düsseldorf. Das brachte Oberbürgermeister Stephan Keller bei der Eröffnung zum Ausdruck: „Am Burgplatz schlägt das Herz des Festivals, aber es hat noch viele andere Organe. Vielfältigkeit vom Feinsten. Immer inspirierend, mitreißend, innovativ, überraschend – und immer berührend.“