Wochenlang hatten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gerätselt, was genau den Felssturz an der Nordseite des Langtang Lirung ausgelöst hatte und woher die gewaltigen Wassermassen stammten, die zu der verheerenden Sturzflut führten. Die Regierung in Nepal machte bereits den menschengemachten Klimawandel für die Katastrophe verantwortlich, doch welche Rolle dieser im Einzelnen spielte, war bis dahin unklar.

Der nun vorgelegte WWA-Bericht beschreibt die Ursache als Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Demnach handelte es sich um einen geologisch verwundbaren Berghang, der möglicherweise durch ein Erdbeben im Jahr 2015 zusätzlich geschwächt wurde. Destabilisiert wurde er laut dem an der Studie beteiligten Klimaforscher Walter Immerzeel von der Universität Utrecht aber durch Gletscherrückgang, getauten Permafrost, außergewöhnlich große Mengen Schmelzwasser und die außergewöhnliche Wärme unmittelbar vor dem Ereignis.

Die Analyse ordnet das Geschehen in die langfristige Erwärmung des Himalaya ein. Seit der Industrialisierung sind die Temperaturen dort um rund 1,5 Grad gestiegen. Dadurch verschob sich laut WWA-Bericht auch die sogenannte Null-Grad-Grenze in der Monsun- und Nachmonsunzeit in den vergangenen Jahrzehnten um 100 Meter pro Dekade nach oben, bis in die Bereiche des einst "ewigen Eises" mit Gletschern und gefrorenen Permafrostböden.

Hinzu kam eine ungewöhnliche Wärmephase unmittelbar vor dem Bergsturz: Das Jahr vor dem Ereignis war ungewöhnlich warm, die zwei Monate davor waren die wärmsten, die in der Region je gemessen wurden.

Der Glaziologe Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften fasst die Schlussfolgerungen des Berichts zusammen: "Vieles deutet darauf hin, dass der Klimawandel wohl doch eine entscheidende Rolle spielt. Wir befinden uns dort in einer Höhenzone, in der die klimatischen Bedingungen von Permafrost zu auftauendem Permafrost führen oder von geringer oder mäßiger Gletscherschmelze zu starker Gletscherschmelze." In den warmen Sommermonaten gebe es dort oben wegen der Wirkung des Klimawandels deutlich mehr Wasser als früher.

Der Bericht beschreibt auch den Weg, den dieses Wasser nimmt. Wegen der steigenden Temperaturen im Himalaya fällt in großen Höhen immer häufiger Regen anstelle von Schnee. Statt als Schnee auf den Gletschern liegenzubleiben und im Laufe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten zu Eis zu werden, kann das Wasser nun rasch durch Gletscherspalten in Gesteinsklüfte unter dem Eis eindringen und sich dort ansammeln. Wasser aus dem abtauenden Permafrost lagert sich ebenfalls im Fels ein und übt zusätzlich Druck auf das Gestein aus. All dies machte der WWA-Studie zufolge die Flanke des Berges instabil, bis sie schließlich abbrach.

Die Erkenntnis, dass sich auch im Gestein größere Mengen Schmelzwasser ansammeln können, könnte Konsequenzen für die Gefahrenüberwachung in den Alpen haben. "Man muss jetzt sicherlich genauer hinschauen, weil man den Einfluss des Wassers bisher zwar kannte, aber bisher nicht in diesem Ausmaß, in dem das dort in Nepal passiert ist", erklärt Experte Mayer.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass es ohne die Erwärmung im Himalaya nicht so schnell und wohl auch nicht in diesem Ausmaß zur Katastrophe gekommen wäre. Zugleich macht er deutlich, dass die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels auf die empfindlichen Hochgebirgsregionen immer noch zu wenig verstanden sind.