Zum Interview auf dem DFB-Campus in Frankfurt kam Celia Sasic nicht alleine: Die Vizepräsidentin des Deutschen Fußball-Bundes hatte ihre kleine Tochter dabei und ihre Mutter zur Unterstützung. Die 38-Jährige zählt zu den bekanntesten Gesichtern im deutschen Frauenfußball. Sie wurde mit der DFB-Auswahl zweimal Europameisterin – 2009 und 2013 – und gewann 2015 mit dem 1. FFC Frankfurt die Champions League. Seit 2022 ist sie beim größten Fußballverband der Welt für Diversität und Vielfalt zuständig.

Seitdem hat sich einiges geändert. Sasic hat den Frauenfußball erfolgreich mehr in den Mittelpunkt der Führungsetagen gerückt. "Wir haben das Thema fokussiert, neue Strukturen aufgesetzt, so dass es jetzt einen eigenverantwortlichen Bereich mit einer Sport-Direktion gibt", sagte sie im Gespräch mit der Deutschen Welle. "In meinen Augen ist es wichtig, dass es ganz klare Verantwortlichkeiten für die Entwicklung und Professionalisierung dieser Sportart gibt." Hier stecke noch sehr viel Potenzial, so die DFB-Funktionärin.

Die Strukturveränderungen zeigen Wirkung. In den vergangenen sechs Jahren sind die Investitionen der deutschen Profiklubs in den Frauenfußball laut DFB um 135 Prozent gestiegen. Zudem ist die Zahl der Mädchen in Deutschland, die Fußballspielen wollen, seit 2022 um rund 30 Prozent gestiegen. "Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Frauenfußball in den Lizenzklubs gesehen wird. Und es wird immer mehr gesehen, so dass die Rahmenbedingungen angepasst werden müssen", sagte Sasic. "Und wir stellen fest, dass wenn wir dem Spiel den richtigen Rahmen zur Verfügung stellen, dort ein großes Wachstumspotenzial drinsteckt."

Ein Beleg dafür ist die TV-Quote: Das meistgesehene Fußballspiel einer deutschen Mannschaft im Jahr 2025 war das Halbfinale der Frauen-Europameisterschaft zwischen Deutschland und Spanien. Das Duell erreichte rund 14,26 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer vor den Bildschirmen und einen Marktanteil von rund 57,6 Prozent. Zum Vergleich: Das Länderspiel der Männer gegen Portugal im Nations-League-Halbfinale kam auf eine Quote von rund 10 Millionen. "Das hat eine wahnsinnige Bedeutung für uns als Gesellschaft und Strahlkraft nach außen", sagte die Doppel-Europameisterin. "Da sind Frauen, die spielen Fußball, die spielen für uns als Nationalmannschaft und die begeistern uns in dem Maße, dass wir millionenfach deren Spiele anschauen."

Die ehemalige Nationalspielerin ist sichtlich stolz, denn lange Zeit wurde der Frauenfußball in Deutschland belächelt und nicht richtig ernst genommen. "Ich hatte keine Wahl, ich musste Männer als Vorbilder nehmen", erinnert sich Sasic. "Mein großes Vorbild war Zinedine Zidane. Es hingen Poster von Figo, Beckham oder Michael Ballack in meinem Zimmer." Poster von Frauen habe es damals gar nicht gegeben. Heutzutage lächeln DFB-Kapitänin Giulia Gwinn oder Angreiferinnen wie Jule Brandt oder Lea Schüller von den Wänden der Kinderzimmer und lassen kleine Mädchen von einer großen Karriere im Frauenfußball träumen.

Doch trotz des Booms bleibt die finanzielle Kluft zwischen Frauen- und Männerfußball gewaltig. Das belegen Zahlen des DFB und der Deutschen Fußball-Liga. Während die 18 Bundesliga-Klubs in der Saison 2024/25 allein 1,72 Milliarden Euro für Spieler und Trainerstäbe ausgaben, lag der Personalaufwand der zwölf Frauen-Bundesligisten zuletzt bei knapp 30 Millionen Euro – rund 60-mal niedriger als bei den Männern. Auch bei den Gehältern zeigt sich, wie jung die Professionalisierung im Frauenbereich noch ist: In der Saison 2023/24 verdiente eine Bundesligaspielerin im Schnitt rund 48.000 Euro Grundgehalt im Jahr. Allein Bayern Münchens Stürmer Harry Kane bekam im gleichen Zeitraum geschätzt 25 Millionen Euro jährlich.

Dieser Unterschied soll in Zukunft kleiner werden. "Fußball spiegelt unsere Gesellschaft wider – und damit auch die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und das Gender Pay Gap, den wir in unserer Gesellschaft sehen", sagte Annalena Baerbock in einem Interview mit der Deutschen Welle. "Leider ist diese Kluft im Fußball in vielen Ländern sogar noch deutlich größer als in anderen Berufen. Aber das ist keineswegs in Stein gemeißelt", so die frühere Präsidentin der UN-Generalversammlung. Dies zu ändern, liege in den Händen der Nationalmannschaften und ihrer Verbände. "Wir wissen aus den USA, aus Großbritannien, Norwegen und Spanien: Wenn man wirklich in den Frauenfußball investieren will, ist gleiche Bezahlung ein wichtiger Bestandteil davon – insbesondere bei den Prämien für Turniere", sagte Baerbock.

Celia Sasic sieht aktuell deutliche Fortschritte, doch die Entwicklung steht erst am Anfang. "In den Vereinen müssen alle Möglichkeiten da sein, um eine Entwicklung möglich zu machen", fordert sie und konkretisiert: "Fußballplätze, medizinische Versorgung, Fitnessabteilung, Trainerteam müssen zur Verfügung stehen." In Deutschland sei das möglich, betont die Vizepräsidentin: "Darin zu investieren, macht das Spiel am Ende auch viel besser." Auch die Angebote für junge Mädchen beim Thema Ausbildung müssten besser werden. "Das ist ein ganz entscheidender Schritt, dass es Nachwuchsleistungszentren gibt, wo die Spielerinnen ausgebildet werden – nicht nur sportlich, sondern auch beruflich. Das sind wesentliche Faktoren für den Erfolg des Frauenfußballs."

Dass selbst grundlegende professionelle Strukturen noch aufgebaut werden müssen, zeigt eine neue DFB-Vorgabe. Erst seit der Saison 2025/26 müssen neben den Cheftrainerinnen und -trainern auch Co-, Torwart- und Athletiktrainer oder Trainerinnen in der Frauen-Bundesliga verpflichtend hauptamtlich und in Vollzeit beschäftigt sein. Für Sasic und den Frauenfußball ist es noch ein weiter Weg, doch die ehemalige Spielerin hat sich fest vorgenommen, beim DFB weiter für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen. Sie hofft auf eine erfolgreiche Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2027 in Brasilien, denn das dürfte dem Frauenfußball noch einmal einen großen Schub geben – und den TV-Sendern neue Rekord-Einschaltquoten bringen.