Die Übernahme von HCSS wurde vollständig mit Nemetschek‑Aktien bezahlt; der bisherige Eigentümer, die Beteiligungsgesellschaft Thoma Bravo, erhielt im Gegenzug einen Anteil von 28 % an Nemetscheks neuem Geschäftsbereich Build & Construct. Durch die Transaktion wird die Sparte, die bislang rund 46 % des Konzernumsatzes ausmacht, laut Analysten von JP Morgan bis 2028 auf etwa 62 % steigen.

Der Deal ist Kernstück einer längerfristigen Neuausrichtung: Nemetschek will sich von seiner traditionellen Design‑Software‑Position – für Architekten und Bauunternehmen – stärker in Richtung integrierter Bau‑ und Infrastruktur‑Lösungen bewegen. HCSS, ein Anbieter von Software für Tiefbau‑ und Infrastrukturprojekte, soll das Portfolio im Bereich großer Bauprojekte ergänzen, ein Segment, das bislang im eigenen Angebot nur lückenhaft vertreten war.

HCSS verzeichnet ein jährliches Umsatzwachstum von 17‑18 % und eine EBITDA‑Marge von über 40 %, wie Nemetschek‑Kommunikationschefin Stefanie Zimmermann betont. Die Integration soll ab dem 1. Juli beginnen und die Kundenbindung stärken – laut Zimmermann kündigen weniger als 2 % der Klienten jährlich ihre Geschäftsbeziehung.

Gleichzeitig äußert das Unternehmen Bedenken gegenüber der wachsenden Bedrohung durch KI‑gestützte Start‑ups im Design‑Software‑Segment. Trotz hunderter KI‑Start‑ups, etwa Gravity oder nTop, betont Zimmermann, dass bislang keines nennenswerte Marktanteile gewonnen habe. Die jüngste Version von Nemetscheks Bau‑Software‑Produkt Bluebeam Max enthält bereits KI‑Funktionen, entwickelt in Zusammenarbeit mit Anthropic und dem Modell Claude.

Investoren sehen in der Akquisition einen potenziellen „Game‑Changer“. Henrik Muhle vom Fonds Gané bezeichnet den Deal als unterschätzte Wachstumsquelle. Thoma Bravo prüft gemeinsam mit Nemetschek mehrere Exit‑Optionen, darunter den Rückkauf der Anteile, einen Weiterverkauf an andere Finanzinvestoren oder einen Börsengang (IPO) des Build & Construct‑Segments, für den die Zustimmung von Nemetschek erforderlich wäre.

Seit Jahresbeginn hat Nemetschek über 35 % seines Börsenwerts eingebüßt, das Kurs‑Gewinn‑Verhältnis liegt bei rund 20, das niedrigste seit einem Jahrzehnt. Trotz des Kursrückgangs bleibt das Unternehmen profitabel und weist eine EBITDA‑Marge auf, die mit Konkurrenten wie Dassault Systèmes und Autodesk vergleichbar ist. Analysten von Bloomberg empfehlen überwiegend Kauf‑ oder Halte‑Positionen, während UBS die Aktie im April von „Neutral“ auf „Verkaufen“ herabgestuft hat, weil langfristige Mehrjahresverträge Risiken bergen könnten.

Langfristig könnte ein IPO des Build & Construct‑Bereichs den bislang verborgenen Wert der Bausoftware‑Geschäfte sichtbar machen und Thoma Bravo einen klaren Ausstieg ermöglichen. Nemetschek‑Managerin Zimmermann betont, dass das Unternehmen die Optionen sorgfältig prüfe und dabei sowohl die Marktlage als auch die Interessen der Aktionäre berücksichtige.